Offene Einhorn-Tickets: Von Robinhood bis MSX, ein Pre-IPO-Experiment zur On-Chain-Gleichheit

Mit Tokenisierung könnten gewöhnliche Nutzer vor dem Börsengang bei SpaceX und anderen Einhörnern einsteigen – wird das eine neue Zukunftsfrage für RWA?

Artikel von: Frank

Seit 2026 scheint es im Bereich RWA keine neuen Großkampfläufe zu geben.

Betrachtet man die letzten fünf Jahre, so wurden stabile Coins, US-Staatsanleihen, Fonds und US-Aktien schrittweise in On-Chain-Systeme integriert. Durch Tokenisierung wurden daraus handelbare neue Finanzprodukte, die die Handelslogik der traditionellen Zweitmärkte auf der Blockchain weitgehend nachbilden.

Doch im Primärmarkt, dem Ort, an dem sich Super-Einhörner wie SpaceX, ByteDance, OpenAI und Anthropic verbergen, bleibt die Tür verschlossen. Nutzer können auf der Chain problemlos Tesla handeln, doch vor dem Börsengang ist es kaum möglich, ein Ticket für SpaceX zu erwerben.

Allerdings wird seit letztem Jahr die Grenze langsam getestet: Robinhood experimentiert in Europa mit der Tokenisierung von Private-Equity-Anteilen wie OpenAI; Hyperliquid bietet Perpetual Contracts für SpaceX und andere an; und diese Woche hat MSX eine On-Chain-Pre-IPO-Share-Emission für Einhörner wie SpaceX und ByteDance gestartet.

Obwohl die Wege unterschiedlich sind, verfolgen sie alle dasselbe Ziel: Pre-IPO, ein bislang stark geschlossenes Primärmarktsegment, beginnt, die Blockchain zu erkunden.

  1. Pre-IPO – muss die Blockchain umarmen

Um die Bedeutung von On-Chain für Pre-IPO zu verstehen, muss man die einzigartige Rolle von „Pre-IPO“ im Lebenszyklus des Kapitalmarkts klären.

Seit langem erzählen wir uns die gleichen Investment-Mythen: So hat Son Masayoshi Alibaba in nur sechs Minuten entschieden, a16z investierte früh in Meta (Facebook), Sequoia setzte auf Coinbase. Im Kern geht es immer um dieselbe Geschichte: Vor dem IPO eines hochwertigen Assets positionieren sich Institutionen frühzeitig, um die sogenannte „Schere“ zwischen Private- und Public-Markt-Bewertung zu nutzen.

Objektiv betrachtet, ist das auch verdient.

Frühphasen-Risiko-Investitionen sind eine Art „Wahrscheinlichkeitsspiel“: a16z hat vielleicht hunderte gescheiterte Social Networks gesehen, bevor Facebook erfolgreich wurde; Son Masayoshi hat unzählige Internetunternehmen verpasst oder falsch investiert. Das Risiko, Fehler zu machen, ist hoch, die Exit-Zyklen lang – doch die wenigen Gewinner überkompensieren die Verluste. Das ist die Grundlogik des Risikokapitals und die Risikoprämie, die Institutionen erwarten.

Doch bei Pre-IPO (also vor dem Börsengang) ändert sich die Logik grundlegend.

Denn hier handelt es sich um eine völlig andere Phase: Als „letzte Meile“ vor dem Listing ist das Unternehmen bereits zu einem Super-Einhorn wie SpaceX, ByteDance, OpenAI oder Anthropic gewachsen. Das Geschäftsmodell ist ausgereift, die Umsätze klar sichtbar. Das Risiko ist deutlich geringer als bei Frühphasen-Investments, und es besteht eine gewisse quasi-zweite Markt- Sicherheit.

Ironischerweise sind die Renditen in dieser Phase oft noch beeindruckender: Beispiel 2025, zwei typische Aktien: Figma, IPO-Preis 33 USD, erster Handelstag 115,5 USD, Plus über 250 %. Bullish, eine weitere Aktie, stieg am ersten Tag fast um 290 %.

Das bedeutet: Institutionelle Investoren, die vor dem Börsengang Anteile erworben haben, konnten bei minimalem Risiko den größten Gewinn abgreifen.

Leider gibt es zwar Plattformen wie Forge oder EquityZen für den Sekundärhandel von Private-Equity-Anteilen, doch diese setzen meist auf P2P-OTC-Modelle, mit Einstiegshürden im Zehntausender-Dollar-Bereich, nur für qualifizierte Investoren. Für den Durchschnittsuser bleibt der Zugang erst nach dem Börsengang.

Aus Sicht der Kapital-Effizienz ist das ineffizient: Während die Bewertung der Einhörner steigt, bleiben normale Investoren außen vor. Die naheliegende Frage:

Wenn Blockchain den Zugang zu US-Aktien erleichtert und Vermögenswerte fragmentiert, könnte sie dann auch vor dem Börsengang durch Tokenisierung den Nutzern ermöglichen, an der Wertsteigerung der Unternehmen im Übergangszeitraum von Private zu Public teilzuhaben?

  1. Strategieduelle: Perpetual Contracts oder Token-abbildung?

Die On-Chain-Experimente im Pre-IPO-Bereich haben sich bisher in zwei unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Eine ist das Perpetual-Contract-Modell, vertreten durch Hyperliquid. Hier können Entwickler auf Basis des HIP-3-Frameworks eigene Perpetual Contracts für Pre-IPO-Assets wie OpenAI oder SpaceX erstellen. Das Kerngeschäft ist die Verbindung von Pre-IPO mit Perpetual Contracts, ohne echte Eigentumsübertragung. Es handelt sich im Wesentlichen um eine reine Preis-Exposure-Variante, bei der Nutzer auf die Bewertungsschwankungen der Unternehmen wetten.

Vorteile sind klar: sehr niedrige Einstiegshürden, keine Qualifikation notwendig; sofortiger Handel, keine komplexen Eigentumsübertragungsprozesse.

Mechanistisch lässt sich das Ganze als eine Art Wette auf SpaceX- oder OpenAI-Bewertungen verstehen, bei der Liquidität durch Market Maker und Leverage-Mechanismen bereitgestellt wird. Dabei ist die Stabilität der Orakel, das Risikomanagement und die faire Abwicklung im Extremfall entscheidend.

Aus regulatorischer Sicht ist fraglich, ob diese Modelle als indirekte Wertpapieremissionen gelten, da sie in vielen Jurisdiktionen noch im Graubereich operieren.

Die andere Strategie ist deutlich komplexer: Hier sollen Nutzer tatsächlich Anteile an tokenisierten Unternehmensanteilen halten, nicht nur auf den Preis spekulieren.

2025 startete Robinhood in Europa mit der Tokenisierung von Private-Equity-Anteilen, im März 2026 folgte MSX mit einem Pre-IPO-Bereich. Beide Plattformen kooperieren mit der US-gestützten, regulierten Plattform Republic, um echte Pre-IPO-Anteile über SPV-Strukturen zu tokenisieren. Ziel ist es, den Anlegern rechtlich geschützte Eigentumsrechte zu bieten.

Der Kern dieses Modells: Die Token repräsentieren echte Anteile, die bei einer regulierten, vertrauenswürdigen Drittpartei verwahrt werden. Es entsteht eine rechtlich abgesicherte „Kette“: Token → SPV → Anteil.

Natürlich hängt die Umsetzung stark von der regulatorischen Infrastruktur ab. Es braucht eine Zusammenarbeit mit Aufsichtsbehörden wie der SEC, lizenzierten Verwahrstellen (z.B. BitGo Trust) und klaren rechtlichen Rahmenbedingungen. Es ist mehr als Produktinnovation – eine Systemfrage.

Insgesamt spiegeln diese beiden Wege unterschiedliche Wertorientierungen wider: Der erste (Perpetual Contracts) ist eher dezentral und effizient, mit Fokus auf Liquidität und niedrige Hürden, aber ohne echte Verbindung zum Asset. Der zweite (Tokenisierte Anteile) ist näher an der traditionellen Finanzwelt, aber deutlich komplexer in der Umsetzung.

Doch egal, welchen Weg man wählt: Es entsteht ein gemeinsames Verständnis: Durch die Tokenisierung von nicht-notierten Anteilen formt sich ein „Halbmarkt“ zwischen Primär- und Sekundärmarkt.

  1. Von Robinhood bis MSX: Die globale Brücke des „Halbmarkts“

Ein Markt braucht mehr als nur eine große Erzählung – er braucht vor allem zugängliche Produkte.

Technologisch ist die Tokenisierung nach jahrelanger Entwicklung bereit, komplexe Finanzprodukte zu tragen: Smart Contracts, Orakel, On-Chain-Compliance-Frameworks. Praktisch haben DeFi und TradFi erste Erfahrungen gesammelt, immer mehr Nutzer gewöhnen sich daran, in einer dezentralen, permissionless Umgebung von den Wachstumschancen der Top-Einhörner zu profitieren.

Man kann sagen, die On-Chain-Umsetzung von Pre-IPO-Assets steht an einem entscheidenden Punkt. Doch reine DeFi-Protokolle scheitern oft an der Nutzeraufklärung, regulatorischer Anbindung und der Skalierung. Hier sind Infrastrukturplattformen, die Brücken zu traditionellen Finanzsystemen bauen, entscheidend.

Rückblickend war die Robinhood-Experiment im Juni 2025 ein Meilenstein.

Als globaler Vorreiter im Retail-Broker-Geschäft ermöglichte Robinhood europäischen Nutzern, mit minimalem Aufwand in On-Chain-Anteile von Top-Einhörnern wie SpaceX und OpenAI zu investieren. Das war das erste Mal, dass ein Mainstream-Broker in dieser Größenordnung und Klarheit eine Position im Pre-IPO-Markt bezog. Es zeigte, dass regulatorische Rahmen flexibel angepasst werden können und dass die breite Nutzerbasis echtes Interesse an solchen Produkten hat.

Doch Europa ist nur der Anfang. Der größere, schnell wachsende asiatisch-pazifische Markt birgt noch ungenutztes Potenzial. Hier fehlt bislang eine echte Zugangsplattform.

Genau das ist der Grund, warum MSX mit seinem neuen Pre-IPO-Bereich so interessant ist.

Am 2. März kooperierte MSX mit Republic, dem Partner, der Robinhoods europäische Infrastruktur unterstützt hat. Das Ziel: den erfolgreichen Weg der Tokenisierung auf den asiatisch-pazifischen Markt zu übertragen. Erste Tokenisierungen von SpaceX, ByteDance, Lambda Labs und Cerebras Systems sind bereits möglich, mit einem Mindestinvestment von nur 10 USDT.

In gewisser Weise spielt MSX die Rolle eines „asiatischen Robinhood“ – in einem regulatorisch komplexen Markt verbindet es „vor dem Börsengang“ seltene Anteile mit „nach dem Börsengang“ globaler Liquidität, und überwindet so die letzte, schwierigste Hürde.

Aus einer größeren Perspektive ist die On-Chain-Tokenisierung von Pre-IPO-Assets keine rein private Angelegenheit. Es ist eine wechselseitige Bewegung:

Privatanleger brauchen einen echten, gleichberechtigten Zugang, um vor dem Börsengang an den Wachstumschancen der Top-Einhörner teilzuhaben, ohne auf den Sekundärmarkt warten zu müssen.

Private-Equity-Investoren und Frühphasen-Aktionäre wollen ebenfalls Zugang zu neuen, globalen Kapitalquellen, um ihre Exit-Optionen zu diversifizieren.

Beide Seiten profitieren voneinander.

Von Robinhood bis MSX – Europa und Asien zeigen, dass der Pre-IPO-Markt sich vom reinen Punkt-zu-Punkt-Handel allmählich in eine „niedrigschwellige, effiziente“ Token-Ära bewegt.

  1. Fazit

Reife Technologien und breite Akzeptanz führen nicht sofort zu Massenprodukten, doch wenn die Grundlagen gelegt sind, kommen Innovationen oft mit Verzögerung umso heftiger.

In diesem Sinne ist die On-Chain-Pre-IPO in den nächsten 3 bis 5 Jahren eine vielversprechende Asset-Kategorie. Blockchain-Technologie ist heute in der Lage, komplexe Finanzprodukte zu tragen, regulatorische Rahmen sind zunehmend klar, und das Vertrauen zwischen Institutionen und Nutzern wächst langsam, aber stetig.

Doch eine funktionierende Logik allein reicht nicht aus.

Klare regulatorische Wege, zuverlässige Risikomanagement-Mechanismen und effektive Matching-Modelle zwischen Institutionen und Privatanlegern sind unerlässlich. Es braucht mehr Plattformen, die bereit sind, die ersten Risiken zu tragen, echte Produkte und Nutzer zu gewinnen, um eine skalierbare, wiederholbare Lösung zu schaffen.

2026 wird die On-Chain-Tokenisierung von Pre-IPO-Assets entweder nur ein vorübergehendes Phänomen sein oder den Beginn einer echten Revolution im Zugang zum Kapitalmarkt markieren. Wir werden es bald wissen.

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