Autor: Jae, PANews
Verschwörungstheorien verbreiten sich oft schneller als die Wahrheit – auch in der Krypto-Welt. Besonders in Zeiten seitlicher Kursentwicklung und Marktangst. Wenn Bitcoin wiederholt unter 70.000 USD kämpft und an jedem Handelstag um 10 Uhr morgens seltsamer Verkaufsdruck auftritt, zweifeln Investoren unweigerlich an einer mysteriösen Hand, die den Markt manipuliert.
Mit Jane Street, die in rechtliche Streitigkeiten mit Terraform Labs verwickelt ist, und schweren Vorwürfen im Kryptomarkt, passiert ein erstaunliches Phänomen: Das präzise „10-Uhr-Verkaufsereignis“, das wie ein Uhrwerk funktionierte, verschwand plötzlich auf wundersame Weise.
Dieses in New York ansässige Quant-Handelsunternehmen, bekannt für seine Diskretion und Hochfrequenzalgorithmen, ist zufällig ein autorisierter Teilnehmer (AP) bei Top-Bitcoin-Spot-ETFs wie BlackRock und Fidelity.
In den sozialen Medien wird Jane Street als der Schatten hinter den Algorithmen angesehen, der täglich pünktlich den „Verkaufs-Button“ drückt.
Nach systematischer Analyse stellt PANews fest: Jane Street ist nicht der wahre Täter hinter dem Bitcoin-Preisverfall, aber sie ist ein Projektionsobjekt für die Marktangst – ein mächtiger, mysteriöser Sündenbock, der gut als „Bösewicht“ geeignet ist.
So heizt die Community die Gerüchte an: Jane Street wird beschuldigt, die „10-Uhr-Verkäufe“ im Hintergrund zu steuern.
Die Geschichte beginnt mit einer ganz gewöhnlichen Beobachtung.
Seit November 2025 haben scharfsinnige Trader entdeckt, dass zu bestimmten Zeiten nach US-Börseneröffnung, etwa um 10 Uhr morgens Eastern Time, Bitcoin-Spot-ETFs immer wieder ungewöhnlich große Verkaufsdruckphasen erleben. Dieses Muster wird im Markt als „10-Uhr-Verkaufsstrategie“ bezeichnet.
Doch es ist kein gewöhnlicher Rücksetzer. Der Verkaufsdruck konzentriert sich meist innerhalb der ersten halben Stunde nach Eröffnung, durchbricht schnell die Liquiditätsgrenzen und löst Kettenliquidationen bei gehebelten Long-Positionen aus. Der Kurs fällt in Panik auf den Tagestiefpunkt, stabilisiert sich dann aber allmählich.
Dieses hochgradig konsistente „Zeitstempel“-Muster lässt Marktteilnehmer den Algorithmus wittern.
Milk Road erklärt, dass die zugrunde liegende Logik dieser Operation darin besteht, die schwache Liquidität zu Beginn der US-Börseneröffnung auszunutzen, um den Kursabsturz zu erzeugen und so die Kosten für spätere Käufe zu senken. In traditionellen Finanzmärkten wird dieses Vorgehen als „Preise drücken“ bezeichnet, um von der strukturellen Schwäche des Marktes zu profitieren.
Der Verschwörungsgedanke wurde im Februar 2026 weiter angefacht.
Laut 13F-Bericht von Jane Street hat das Unternehmen im vierten Quartal 2025 seine Bestände an BlackRocks Bitcoin-Spot-ETF (IBIT) deutlich auf über 71 Millionen Aktien erhöht, insgesamt 20,315 Millionen Aktien im Wert von etwa 790 Millionen USD.
Sobald diese Daten bekannt wurden, explodierten die sozialen Medien: Wenn Jane Street so massiv Bitcoin akkumuliert, ist der „10-Uhr-Verkauf“ nur eine Taktik, um die Einstiegskosten zu drücken?
Die logische Verbindung scheint sich zu formen: Motivation (Akquisition) + Mittel (Algorithmen) = Hauptschuldiger (Jane Street).
Doch Frontier Investments CEO Louis LaValle warf mit einem „kalten Wasserstrahl“ ein: Die Annahme, dass die 13F-Daten nur auf „Long-Positionen“ hindeuten, ist eine fundamentale Fehleinschätzung des Market-Making-Modells.
Jane Street, als Hauptmarket Maker und AP für IBIT, hält wahrscheinlich ETF-Anteile, um ihre Optionspositionen auszugleichen oder Hedging-Strategien umzusetzen, nicht um ausschließlich auf fallende Kurse zu setzen.
Verlorene Strategien im Rechtsstreit, regulatorischer Druck gegen Verkaufsalgorithmen
Wenn die 13F-Daten nur eine Fehldeutung des Marktes waren, so verleihen die folgenden Ereignisse dieser Debatte empirische Beweise.
Am 24. Februar reichte der Abwickler von Terraform Labs, Todd Snyder, Klage gegen Jane Street ein, weil das Unternehmen angeblich über eine geheime Kommunikationsleitung mit Terraform-Insidern (Ex-Praktikant Bryce Pratt) vor dem Kollaps des Terra-Ökosystems im Mai 2022 rechtzeitig Positionen glattgestellt und damit Insiderhandel und Marktmanipulation begangen haben soll.
Fast gleichzeitig stand Jane Street in Indien im Visier der Securities and Exchange Board of India (SEBI), die ihnen Manipulation des BANKNIFTY-Index vorwarf, was zu einer Geldstrafe von 550 Millionen USD führte.
Das Licht der Justiz fällt hell.
Und das Erstaunliche geschah: Nach der öffentlichen Bekanntmachung der Klagen gegen Jane Street wurde der reguläre Verkaufsdruck um 10 Uhr morgens deutlich abgeschwächt oder verschwand sogar ganz.
Das lässt sich kaum mit Zufall erklären.
PANews ist der Ansicht: Im Bereich der Finanztechnik, wenn Handelsstrategien weithin erkannt oder regulatorisch hinterfragt werden, schrumpft die Alpha (Gewinnpotenzial) dieser Strategien rasch.
Der zunehmende regulatorische Druck zwingt Algorithmen, sich selbst zu disziplinieren, weg vom „rücksichtslosen Profitstreben“ hin zu „Regelkonformität und Risikomanagement“, was direkt zum Zusammenbruch bestimmter Verkaufsmuster führen kann.
Das Verschwinden des „10-Uhr-Verkaufs“ zeigt, dass dieses Muster existierte und eng mit regulatorischem Druck verbunden war. Doch beweist es, dass Jane Street das „einzigartige“ Muster war?
Die Antwort bleibt unklar, aber eines ist sicher: Wenn die Aufsicht die internen Abläufe der Market Maker prüft, werden bestimmte grenzüberschreitende Handelspraktiken aufgrund von Regulierungsdruck eingestellt.
10-Uhr-Verkäufe widersprechen der Logik des Market Making, daher sind Verschwörungstheorien wahrscheinlich schwer haltbar.
Obwohl die Community den Kursrückgang auf eine einzelne böse Organisation schiebt, sind die Verschwörungstheorien, dass Jane Street absichtlich den Bitcoin-Preis drückt, in den Augen der Gegenseite kaum haltbar.
Ehemaliger Quant-Experte bei Jump Trading, Keone Hon, und CryptoQuant-Forscher Julio Moreno widersprechen dies mit starken technischen Argumenten.
Keone Hon erklärt, dass es schwierig ist, den Bitcoin-Preis durch Leerverkäufe bei IBIT allein zu drücken.
Obwohl IBIT an Bitcoin gekoppelt ist, handelt es sich im Wesentlichen um einen Sekundärmarkt-Stock. Wenn IBIT stark unter dem NAV notiert, greifen APs und Arbitrageure schnell ein, kaufen die günstigen Anteile und redeemen im Primärmarkt Bitcoin, um die Differenz auszugleichen. Dieses Arbitrage-Mechanismus verhindert, dass IBIT unabhängig vom Spotpreis nach unten driftet.
Julio Moreno meint, Jane Street operiere ähnlich wie andere „Delta-Neutral“-Fonds.
„Echte Market Maker setzen nicht auf eine Richtung“, sagte Xin Song, CEO von GSR Markets, in einem Interview mit PANews.
Für Jane Street ist das Risiko, eine Richtung zu wetten, äußerst gefährlich. Sie streben eine Balance an, bei der das Netto-Risiko null ist.
Wenn Jane Street als AP Liquidität für IBIT bereitstellt, sind sie ständig Risiken durch Lagerbestände ausgesetzt. Bei großem Kaufvolumen durch Kunden müssen sie eine Short-Position halten. Um diese abzusichern, kaufen sie meist Bitcoin im Spot- oder Futures-Markt – das sogenannte „dynamische Hedging“.
In diesem Modell sind die Gewinne von Jane Street nicht durch Kurssteigerungen oder -verluste bestimmt, sondern durch:
Obwohl beide Strategien viel Verkauf beinhalten, sind sie durch entsprechende Käufe ausgeglichen, was den Netto-Effekt auf den Marktpreis theoretisch neutral macht.
Makro-Analyst Alex Krüger präsentierte Daten, die widerlegen: Seit dem 1. Januar beträgt die kumulierte Rendite von IBIT zwischen 10 und 10:30 Uhr Eastern Time 0,9 %.
PANews ist der Ansicht: Aus quantitativer Sicht ist das „10-Uhr-Verkaufsereignis“ wahrscheinlich auf die Volatilität beim Börseneröffnung in den USA zurückzuführen, die große Hedging-Bedürfnisse auslöst.
Da die Liquidität von IBIT zu Beginn der Öffnungsphase noch im Umbruch ist, wird dieses Hedging-Verhalten zu einer Art Kursmanipulation aufgebläht.
Tatsächlich verfügen große Player wie Jane Street über enorme Bilanzen. Wenn sie den Bitcoin-Preis durch Manipulation abstürzen lassen, sind ihre eigenen Milliarden-Dollar-Assets und Derivatepositionen ebenfalls hohen Liquiditäts- und Gegenparteirisiken ausgesetzt.
Strukturelle Probleme bei der Preisfindung von Bitcoin-Spot-ETFs
Obwohl Verschwörungstheorien von Technikexperten abgelehnt werden, meint Jeff Park, CIO von ProCap: Das Kernproblem liegt im aktuellen AP-Mechanismus der Bitcoin-Spot-ETFs.
Die entscheidende Rolle der AP bei der Preisgestaltung liegt in ihrer besonderen rechtlichen Stellung. Als AP genießen Jane Street und andere Institutionen im Rahmen der SEC-Regulierung Privilegien, die normalen Händlern verwehrt bleiben:
Jeff Park weist weiter darauf hin, dass das AP-System die Preisfindung im Bitcoin-Spotmarkt schwächt.
Das tiefere Problem liegt im „Cash“-Modell selbst. Bitcoin verbleibt nur kurzzeitig in den Händen der APs, meist in Cold Wallets bei Custodians. PANews ist der Ansicht, dass diese „Lock-in“-Phase zwar die Umlaufmenge reduziert, aber auch die direkte Verbindung zwischen ETF und Spotmarkt unterbricht.
Idealerweise sollte die ETF-Nachfrage direkt in den Spotmarkt übertragen werden. Doch durch die Rolle der APs wird dieser Prozess intermediärisiert. Sie hedge oft über Futures, anstatt direkt Bitcoin zu kaufen.
Das Ergebnis ist: Obwohl ETF-Mittelzuflüsse sichtbar sind, spiegeln sich die tatsächlichen Kaufaktivitäten im Spotmarkt kaum wider.
PANews ist der Ansicht: Wenn APs wie Jane Street Leerverkaufsprivilegien nutzen, um über Futures zu hedgen, schaffen sie in Wirklichkeit eine „synthetische“ Nachfrage nach Bitcoin.
Dies führt dazu, dass die Kapitalflüsse in den ETF nicht zwangsläufig zu einem Anstieg des Spotpreises führen, sondern vielmehr eine „weiche“ Preisdrückung bewirken.
Diese strukturelle Diskrepanz erzeugt eine paradoxe Situation: Je größer der ETF, desto stärker konzentriert sich die Preisfindung bei Bitcoin in den Händen weniger APs. Jane Street ist dabei eine der zentralen Akteure.
Quantitative Industrie als Gipfel des Marktwachstums?
„Quantitative sterben nicht, fallen nur nicht mehr.“
Die These, dass „quantitative Industrie den A-Aktienmarkt unterdrückt“, kursiert in den sozialen Medien. Sogar die Muttergesellschaft von DeepSeek, die Private-Equity-Gesellschaft Fantom, wird beschuldigt: Einerseits nutzt sie modernste KI-Technologie, um im Modellbereich „für das Land zu kämpfen“, andererseits wird ihr vorgeworfen, mit „Reduktion auf die zweite Ebene“ in der Sekundärmarktabwicklung Liquidität zu „ernten“. Diese Sicht ist jedoch eher eine emotionale Entladung.
Eine tiefgründige Frage steht im Raum: Ist quantitative Investition eine „fortschrittliche Industrieentwicklung“ oder ein „unsichtbarer Unterdrücker“ für das gesunde Wachstum des Aktienmarktes?
Heute macht algorithmischer Handel (inklusive Hochfrequenzhandel, Algorithmen und quantitativer Absicherung) über 70 % des US-Aktienmarktes aus. Im Vergleich dazu hat der noch junge A-Aktienmarkt in den letzten zehn Jahren eine sprunghafte Steigerung der quantitativen Durchdringung von etwa 5 % auf 25–30 % erlebt.
Noch erstaunlicher sind die Ergebnisse der Top-Quant-Trader.
Entgegen der landläufigen Meinung sind, obwohl der Anteil quantitativer Trades und die Renditen der Top-Institutionen jährlich steigen, die US-Aktienmärkte in den letzten zehn Jahren um insgesamt 260 % (S&P 500) und der Shanghai-Shenzhen 300 Index nur um ca. 60 % gewachsen.
Das zeigt: Das Wachstum quantitativer Akteure steht nicht in direktem Widerspruch zum stabilen Wachstum der Aktienmärkte.
Anstatt zu behaupten, Quantitative unterdrücke den Markt, verändert es vielmehr die Geschwindigkeit der Vermögensverteilung tiefgreifend.
In den US-Aktienmärkten hat die Quantitative-Industrie eine Art industriellen Wandel vollzogen; im A-Aktienmarkt befindet sie sich noch im Umbruch; und im Kryptomarkt versuchen die großen quantitativen Player, durch strukturierte Instrumente (wie ETF-AP-Mechanismen) die Preisgestaltung neu zu bestimmen.
Das sogenannte „Unterdrückungsgefühl“ ist im Kern die Ohnmacht traditioneller Investitionsansätze gegenüber Hochfrequenzalgorithmen und komplexen Finanzingenieurtechniken.
Quantitative Strategien werden nicht verschwinden, sondern Teil des Marktes werden.
Für Krypto-Investoren gilt: Anstatt nach „Bösewichten“ zu suchen, sollten sie die Entwicklung der ETF-Mechanismen verfolgen. Das Verständnis der Funktionsweise dieses „Wall Street-Krypto-Generators“ ist eine Pflicht für jeden Investor.
Verschwörungstheorien sind immer eingängiger, weil sie einfach, direkt und emotional ansprechend sind. Doch die Realität des Marktes ist viel komplexer und auch viel langweiliger.
Der wahre Gegner ist vielleicht nie eine einzelne Organisation, sondern unsere Ignoranz gegenüber komplexen Mechanismen und unsere Sehnsucht nach einfachen Antworten.