Wie lange kann das „dezentrale Mäntelchen“ der On-Chain-Kreditvergabe nach dem weltweit ersten DAO-Fall noch Bestand haben?

TechubNews

Verfasst von: Mankiw

Einleitung

„Solange der Code ausreichend dezentralisiert ist, gibt es keine juristische Person, und die Aufsicht hat keine Handhabe.“ – Das galt lange als Schutzschild für viele Gründer von On-Chain-Lending-Projekten. Sie versuchten, eine „Algorithmus-Bank“ ohne CEO und ohne Hauptsitz zu schaffen.

Doch mit dem Urteil im US-Fall Ooki DAO wird dieser „depersonalisierte“ Tarnmantel von den Aufsichtsbehörden zunehmend durchdrungen. Unter strengeren Prinzipien einer „durchdringenden Regulierung“ – wie weit kann On-Chain-Lending tatsächlich noch gehen?

On-Chain-Lending: Die autonome Bank von Web3

On-Chain-Lending lässt sich als eine automatische Kreditmaschine ohne menschlichen Betreiber verstehen, deren Hauptfunktionen sind:

Automatischer Liquiditätspool: Kreditgeber legen Geld in einen durch Code verwalteten öffentlichen Pool und erhalten sofort Zinsen.

Überbesicherte Kredite: Kreditnehmer müssen Sicherheiten in höherem Wert als das geliehene Kapital hinterlegen, um Risiken zu kontrollieren.

Algorithmische Zinssätze: Die Zinssätze werden vollständig marktgetrieben durch Algorithmen je nach Angebot und Nachfrage angepasst.

Dieses Modell eliminiert die Vermittlerrolle traditioneller Banken und ermöglicht einen globalen, automatisierten 7x24-Stunden-Kreditmarkt ohne menschliche Kontrolle, mit vollautomatischer Abwicklung durch Code. So wird die Kapitaleffizienz gesteigert, die Liquidität von Vermögenswerten erhöht und dem Kryptomarkt wird eine native Hebelquelle bereitgestellt.

Die Ideale sind groß: Warum streben Gründer nach „Dezentralisierung“?

In der traditionellen Finanzwelt gibt es für Banken und Kreditplattformen klare Unternehmen als juristische Personen – bei Problemen weiß man, an wen man sich wenden kann. On-Chain-Lending versucht jedoch von Anfang an das „Wer“ zu tilgen. Es geht nicht nur um Anonymität, sondern um eine Systemarchitektur, die sich in zwei Punkten zeigt:

  1. Ansprechpartner ist der Code, nicht der Mensch

Man unterschreibt keinen Vertrag mit einer Firma oder einer Person, sondern interagiert direkt mit einem öffentlichen, selbstausführenden Smart Contract. Alle Kreditregeln, wie Zinssätze und Beleihungsquoten, sind im Code festgeschrieben. Dein Gegenüber ist das Programm selbst.

  1. Entscheidungen durch die Community, nicht das Management

Das Protokoll hat keinen Vorstand und keinen CEO. Wichtige Upgrades oder Parameteranpassungen werden durch die weltweit verteilten Governance-Token-Inhaber per Abstimmung entschieden. Die Macht ist dezentral, damit wird auch die Verantwortlichkeit diffus.

Für Gründer ist die Wahl der „Dezentralisierung“ nicht nur Idealismus, sondern eine Überlebensstrategie – mit dem Ziel, sich abzusichern:

Schutz vor Regulierung: Traditionelles Lending benötigt teure Lizenzen und strikte Regeln. Sich als „Technologieentwickler“ statt als „Finanzinstitut“ zu positionieren, soll diese Hürden umgehen.

Schutz vor Haftung: Kommt es zu Hacks mit Nutzerschäden, kann das Team argumentieren: „Der Code ist Open Source, das Protokoll ist non-custodial“, um Schadenersatzpflichten wie bei traditionellen Plattformen zu vermeiden.

Schutz vor Gerichtsbarkeit: Keine juristische Person, weltweit verteilte Server – so kann kein Staat das Protokoll einfach abschalten. Diese „Unabschaltbarkeit“ ist der ultimative Schutz gegen geopolitische Risiken.

Die Realität ist hart: Warum funktioniert „Code ist unschuldig“ nicht?

  1. Regulatorisches Risiko:

Die Wachsamkeit der Aufsichtsbehörden gegenüber On-Chain-Lending resultiert aus drei zentralen, nicht zu unterschätzenden Risiken:

  1. Schattenbanken:

On-Chain-Lending schafft effektiv Kredite, steht aber völlig außerhalb des Zentralbank- und Aufsichtssystems – klassisches Schattenbankwesen. Bei starken Preisrückgängen und Kettenliquidationen entstehen systemische Risiken für das gesamte Finanzsystem.

  1. Illegale Wertpapiere:

Nutzer legen Assets in Pools, um Zinsen zu verdienen – aus Sicht der SEC und anderer Behörden ähnelt das stark der öffentlichen Emission nicht registrierter „Wertpapiere“. Sobald Erträge versprochen oder erzielt werden, ist man unabhängig vom Technikgrad womöglich im Wertpapiergesetz.

  1. Geldwäsche-Risiko:

Pools können von Hackern leicht genutzt werden: Sie legen gestohlene „schmutzige“ Coins als Sicherheiten ein, leihen saubere Stablecoins und durchbrechen so die Nachverfolgungskette – ein direktes Risiko für die Finanzsicherheit.

Regulierungsprinzip: Substanz vor Form

Funktionsbasierte Regulierung: Es interessiert nicht, ob hinter dem Service ein Unternehmen oder nur Code steht – entscheidend ist, ob faktisch Bankgeschäft betrieben wird. Finanzgeschäft unterliegt der Finanzaufsicht.

Durchgriffshaftung: Gibt es keine juristische Person, werden Entwickler und Kern-Governance-Token-Inhaber direkt belangt. Der Ooki DAO-Fall ist ein Präzedenzfall – auch Governance-Mitglieder wurden zur Verantwortung gezogen.

Kurzum: „Dezentralisierung“ lässt das System vielleicht „autonom“ erscheinen, doch sobald die Finanzsicherheit oder der Anlegerschutz gefährdet ist, wird die Regulierung als „Verkehrspolizist“ das Bußgeld verteilen und den „Fahrer“ hinter dem Vorhang suchen.

  1. Wahrnehmungsfehler:

Viele Gründer versuchen, sich mit folgenden Methoden der Regulierung zu entziehen – diese Abwehrmechanismen sind jedoch sehr fragil. Vier verbreitete Missverständnisse:

Irrtum 1: DAO-Governance befreit von Haftung: Die Community stimmt ab, das Gesetz trifft die Masse nicht.

Im Ooki DAO-Fall wurden auch abstimmende Token-Inhaber als Manager angesehen und bestraft. Ist die DAO nicht registriert, gilt sie als „einfache Gesellschaft“, jeder haftet unbeschränkt und gesamtschuldnerisch.

Irrtum 2: Nur Code schreiben, nicht betreiben: Ich habe nur Open-Source-Smart-Contracts entwickelt, das Frontend betreibt jemand anders.

Trotz der Dezentralität von EtherDelta urteilte die SEC, dass Gründer Zachary Coburn Smart Contracts entwickelte, deployte und daraus Profit zog – und daher für den Betrieb einer nicht registrierten Börse haftet.

Irrtum 3: Anonyme Bereitstellung ist sicher: Team bleibt verborgen, Server-IP wird verschleiert, keine Nachverfolgung möglich.

Absolute Anonymität ist eine Illusion! Auszahlungen an zentralen Börsen, Commit-Historien von Code-Repos, Social-Media-Daten – alles kann zur Identifizierung führen.

Irrtum 4: Offshore-Struktur schützt: Firma auf den Seychellen, Server in der Cloud, US-SEC hat keine Zuständigkeit.

Die US-„long-arm jurisdiction“ ist sehr weitreichend. Schon ein einziger US-Nutzer oder Transaktionen in US-Dollar-Stablecoins genügen, damit die US-Behörden die Zuständigkeit beanspruchen. BitMEX wurde so schwer bestraft, die Gründer sogar zu Haftstrafen verurteilt.

Das Dilemma der Gründer: Die realen Hürden vollständiger „Dezentralisierung“

Wer zur Umgehung der Regulierung auf vollständige „Dezentralisierung“ setzt, stößt auf zahlreiche Schwierigkeiten:

  1. Keine Vertragsfähigkeit, erschwerte Kooperation

Code kann keine Verträge unterschreiben. Für Servermiete, Audits oder Market-Maker-Kooperationen braucht es einen Unterzeichner. Unterzeichnet ein Entwickler, haftet er persönlich – ohne Unterschrift kein Zugang zu großen Partnern.

  1. Kein Rechtsschutz, Code wird beliebig kopiert

Web3 setzt auf Open Source – damit können Mitbewerber den Code, das Interface und sogar die Marke legal kopieren und leicht modifizieren („Fork“). Ohne juristische Person ist der Schutz geistigen Eigentums per Klage praktisch unmöglich.

  1. Kein Bankkonto, Probleme bei Finanzierung und Gehaltszahlungen

DAOs haben kein Bankkonto, können also weder Fiat-Investitionen empfangen noch Gehälter oder Sozialbeiträge zahlen. Das schränkt die Talentgewinnung und den Zugang zu institutionellem Kapital massiv ein.

  1. Langsame Entscheidungsfindung, verpasste Krisenreaktion

Überträgt man alle Entscheidungsgewalt an die DAO-Community, braucht jede wichtige Entscheidung einen langen Prozess aus Vorschlägen, Diskussion und Abstimmungen. Im Fall von Hacks oder Marktturbulenzen kann diese „demokratische Prozesse“ zu langsamer Reaktion führen und gegenüber zentralen Wettbewerbern das Nachsehen bedeuten.

Der Weg zur Compliance: Wie Gründer das „Subjekt“ neu aufbauen

Top-Projekte verabschieden sich von absoluter Dezentralisierung und setzen stattdessen auf einen pragmatischen „Code + Law“-Ansatz mit einer compliance-konformen „Hülle“ für das Protokoll.

Drei gängige Compliance-Strukturen:

  1. Zweistufige Architektur mit Trennung von Entwicklung und Governance:

Betriebsgesellschaft: Registrierung als reguläres Softwareunternehmen in Singapur oder Hongkong, zuständig für Frontend, Personal und Marketing. Auftreten als „Technologiedienstleister“, ohne direkten Finanzbezug.

Stiftung: Gründung einer Non-Profit-Stiftung auf den Cayman Islands oder in der Schweiz, verwaltet den Token-Treasury und Community-Abstimmungen, übernimmt als juristisches Gesicht des Protokolls die Letztverantwortung.

  1. DAO als Limited Liability Company:

Direkte Registrierung der DAO als neue Rechtsform in Wyoming (USA) oder auf den Marshallinseln als Limited Liability Company. So ist die Haftung der Mitglieder auf deren Kapitaleinlage beschränkt und eine unbeschränkte Haftung wird vermieden.

  1. Compliant Frontend und Permissioned DeFi:

Das zugrundeliegende Protokoll ist offen, aber die offizielle Projektwebsite kann Nutzer filtern:

Geoblocking: Sperrung von IPs aus sanktionierten oder Hochrisikogebieten.

Adressfilter: Einsatz professioneller Tools zur Sperrung bekannter Hacker- und Geldwäscher-Adressen.

KYC-Pools: Kooperation mit Institutionen, um spezielle Kreditpools für verifizierte professionelle Nutzer anzubieten.

Fazit: Vom „Code-Utopia“ zur „neuen Compliance-Infrastruktur“

Das nächste große Wachstumspotenzial für On-Chain-Lending sind RWA – reale Vermögenswerte wie Staatsanleihen oder Immobilien auf der Blockchain. Um Billionen an traditionellem Kapital anzuziehen, braucht es klare juristische Strukturen und Compliance als Eintrittskarte.

Compliance ist kein Verrat an der Vision, sondern der notwendige Weg in den Mainstream. Die Zukunft von On-Chain-Lending ist kein „Entweder Dezentralisierung oder Compliance“, sondern eine duale Synergie aus „Code-Autonomie + juristischem Subjekt“.

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