- Juli 2026: An der Börse in Hongkong notierte KI-Aktien zeigten unterschiedliche Entwicklungen. Zhichu (02513.HK) wurde während der Sitzung zu 1.255,00 HKD gehandelt, ein Plus von 1,46 %. MiniMax (0100.HK) lag bei 189,80 HKD und damit 3,16 % im Minus. SenseTime (00020.HK) notierte bei 1,330 HKD, ein Anstieg um 0,76 %.
Drei Unternehmen auf demselben Kurs, aber mit unterschiedlichen Richtungen, zeichnen klar voneinander abweichende Kursverläufe. Dies spiegelt einen grundlegenden Wandel in der Marktbewertung von KI-Unternehmen wider – weg von „wessen Konzept klingt attraktiver" hin zu „wessen kommerzieller Closed Loop ist tragfähiger".
Setzt man die aufeinanderfolgenden Börsengänge von Zhichu und MiniMax im Januar 2026 an der Hongkonger Börse als Zäsur, lässt sich die erste Phase des Wettbewerbs unter den führenden KI-Aktien in Hongkong als „Knappheitspreisbildung" zusammenfassen. Das Kapital jagte dem Aufschlag „erste Large-Model-Aktie" hinterher, nicht den Fundamentaldaten. Im zweiten Halbjahr 2026, mit Auslaufen der Lock-up-Fristen, zunehmendem Angebot an Open-Source-Modellen und Veröffentlichung der ersten Geschäftsberichte, ist der Wettbewerb in die zweite Phase eingetreten – der Markt bewertet jedes Unternehmen nun entlang von vier Dimensionen neu: Modellfähigkeit, Rechenressourcen, Anwendungsekosystem und kommerzieller Umsatz.
Zhichu: Die „Knappheitsillusion" bei hoher Bewertung schwindet
Zhichu war das erste der drei Unternehmen, das an die Börse ging. Am 8. Januar 2026 erfolgte die Notierung an der Hongkonger Börse zum Ausgabepreis von 116,10 HKD, womit netto 4,896 Milliarden HKD eingesammelt wurden. Sechs Monate später erreichte der Aktienkurs mit 2.980 HKD seinen Höchststand, die Marktkapitalisierung überschritt die Marke von 1 Billion HKD – ein Anstieg um mehr als das 25-Fache.
Allerdings war die Grundlage für diese hohe Bewertung fragil. Im Gesamtjahr 2025 erzielte Zhichu einen Umsatz von 724 Millionen RMB, ein Plus von 131,9 % gegenüber dem Vorjahr. Der Nettoverlust weitete sich jedoch deutlich auf 4,718 Milliarden RMB aus (Vorjahr: 2,958 Milliarden RMB). Ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von unter 800 Millionen RMB und einem Verlust nahe 5 Milliarden RMB erreichte eine Marktkapitalisierung von über einer Billion – diese Bewertung beruhte auf der Knappheitserzählung als „erste Large-Model-Aktie", nicht auf Leistung.
Am 22. Juni 2026 erreichte der Kurs von Zhichu mit 2.980 HKD ein Allzeithoch. Seither folgten anhaltende Schwankungen und ein deutlicher Rückgang. Am 17. Juli brach die Aktie an einem Tag um 28,49 % ein, wodurch über 200 Milliarden HKD an Börsenwert verloren gingen. Am 20. Juli fiel sie um weitere 19,56 %, sodass an zwei Handelstagen mehr als 300 Milliarden HKD ausgelöscht wurden. Am 27. Juli schloss die Aktie bei 1.255 HKD – ein Rückgang von fast 58 % gegenüber dem Höchststand.
Unmittelbarer Auslöser für diesen Einbruch war der Launch von Kimi K3. Am 16. Juli übertraf dieses Open-Source-Modell mit 2,8 Billionen Parametern Zhichus GLM-5.2 in der Code Arena mit einem Score von 1.679 und griff damit direkt Zhichus Kerngeschäft im Coding-Bereich an. Die tiefere Ursache war jedoch das schwindende Knappheitsprämium. Mit der Verbreitung von Open-Source-Modellen und zunehmenden ähnlichen Angeboten steht der Markt nicht mehr vor einem „Alternativlosigkeit"-Szenario.
Technisch gesehen ist Zhichu jedoch durchaus wettbewerbsfähig. Im Juni 2026 brachte Zhichu das neue Flaggschiffmodell GLM-5.2 auf den Markt, das 1M verlustfreie Kontextfenster unterstützt, auf Coding und Langstreckenaufgaben fokussiert ist und leistungsmäßig mit Anthropic Claude Opus 4.8 und OpenAI GPT-5.5 vergleichbar ist. Das Modell steht unter MIT-Open-Source-Lizenz und ist auf inländischer Recheninfrastruktur implementiert. Zudem übernahm Zhichu Zhongke Jiahe, ein chinesisches Unternehmen für heterogene KI-Computing-Software, und errichtete ein KI-Rechenzentrum der 1-GW-Klasse. Aktuell decken Zhichus Programmier-, Agenten- und Enterprise-Large-Model-Services 218 Länder und Regionen weltweit ab, das Ökosystem wird von über 4 Millionen KMU und Entwicklern mitgestaltet.
Zhichus Kernvorteil liegt in der tiefen Integration mit dem B2B-Markt für Behörden und Unternehmen. Das Umsatzwachstum hängt stärker von der Nutzungsintensität und langfristigen Bindung der Unternehmenskunden ab; ist diese Bindung einmal etabliert, sind die Wechselkosten hoch. Die zentrale Frage bleibt jedoch, ob dieses Geschäftsmodell die aktuelle Bewertung trägt. Ausgehend vom Umsatz 2025 von 724 Millionen RMB liegt selbst nach der starken Korrektur das Kurs-Umsatz-Verhältnis weit über dem Branchendurchschnitt.
MiniMax: Lehrstück für IPO-Euphorie und Bewertungsanpassung
Die Bewertungsgeschichte von MiniMax spielte sich noch vor der von Zhichu ab.
Am 9. Januar 2026 feierte MiniMax sein Börsendebüt zu 165 HKD je Aktie, stieg am ersten Tag um 109 % und erreichte kurzzeitig eine Marktkapitalisierung von über 410 Milliarden HKD. Am 24. Juli war der Kurs auf 196 HKD gefallen, die Marktkapitalisierung lag nur noch bei 68,4 Milliarden HKD. Am 27. Juli schloss MiniMax bei 189,80 HKD, ein Minus von 3,16 % – der Abwärtsdruck hält an.
Im Unterschied zu Zhichu ist das Geschäftsmodell von MiniMax breiter aufgestellt. Im Gesamtjahr 2025 belief sich der Umsatz auf 553 Millionen RMB, ein Plus von 158,9 % gegenüber dem Vorjahr und 11 % über Markterwartung. Im Umsatzmix steuerten KI-native Produkte 67,2 % bei, offene Plattformen und Unternehmensservices 32,8 %. Sowohl das Endkundengeschäft (C-Segment) als auch das B2B-Geschäft wuchsen, wobei das B-Segment (197,8 %) das C-Segment (143,4 %) übertraf. Der Auslandsumsatz erreichte 392 Millionen RMB (+170,3 %), was rund 73 % des Gesamtumsatzes entspricht.
MiniMax bietet für Verbraucher Talkie und Xingye, für Unternehmen offene Plattformen und Enterprise-Services sowie eine Produktmatrix mit Conch AI. Im Juni 2026 brachte MiniMax das Flaggschiffmodell M3 auf den Markt – das erste heimische Large Model mit „führender Coding-Fähigkeit, 1M Ultra-Long Context und nativer Multimodalität". M3 verfügt über 428 Milliarden Parameter, von denen pro Token rund 23 Milliarden aktiviert werden, und unterstützt native Bild- und Videoeingabe. Auf der World AI Conference 2026 präsentierte MiniMax M3 und das neue multimodale Generativmodell H3.
MiniMax steht vor einer Herausforderung: Die Schutzmechanismen von Consumer-Produkten werden schwächer. Die Differenzierung bei KI-Begleiter-Apps nimmt ab, und das B2B-Geschäft ist noch nicht groß genug, um die Bewertung zu tragen. Hinzu kommt ein bereinigter Nettoverlust von 1,756 Milliarden RMB im Jahr 2025; die Profitabilität hängt von der Monetarisierung eines reifen Nutzer-Ökosystems ab.
Der Fall MiniMax zeigt ein zentrales Problem auf: Selbst mit Produkten, Nutzern und Wachstum schwindet die Geduld der Kapitalmärkte für „unprofitable KI-Unternehmen" rapide.
SenseTime: Der älteste Player, eine eigene Geschichte
Von den drei Unternehmen ist SenseTime das am längsten etablierte, erzielt den größten Umsatz und hat die Verluste am stärksten reduziert.
Im Gesamtjahr 2025 erreichte der Umsatz von SenseTime 5,015 Milliarden RMB, ein Plus von 32,9 % – ein historischer Höchststand und das schnellste Wachstum seit drei Jahren. Der Nettoverlust verringerte sich deutlich um 58,6 % auf 1,782 Milliarden RMB. Das EBITDA im zweiten Halbjahr 2025 lag bei 380 Millionen RMB und war damit erstmals seit dem Börsengang positiv. In einer Branche, in der „Umsatz wächst, aber Gewinne ausbleiben", gehört SenseTime zu den wenigen Unternehmen mit klarer Profitabilisierungstendenz.
SenseTimes Geschäft gliedert sich in drei Hauptbereiche: Generative KI, traditionelle KI und Smart Vehicles, wobei Synergien zwischen der KI-Infrastruktur „SenseCore" und dem Large-Model-System „SenseNova" genutzt werden. Im Juli 2026 stellte SenseTime auf der WAIC das Flaggschiffmodell SenseNova U1 Pro vor, positioniert als lieferfähige, native multimodale Agentenplattform für Langstreckenaufgaben, mit tiefgreifender Integration von Verständnis, Generierung und Aktion. SenseTime wählte die Designindustrie als Durchbruchsszenario – der Schritt von „ein Bild generieren" hin zu „ein fertiges Ergebnis liefern".
Im Bereich Kommerzialisierung verzeichnete der im Mai 2026 gestartete Token-Plan für Unternehmenskunden eine Verfünffachung der Token-Nutzung innerhalb eines Monats. Der Desktop-Agent „Little Raccoon" bedient 20 Millionen Nutzer und über 10.000 Unternehmenskunden. Die KI-Content-Plattform Seko wird von über 800.000 Einzelkreativen genutzt.
SenseTimes Kernvorteil liegt in der eigenen KI-Infrastruktur (SenseCore), lieferfähigen Produkten für spezifische Szenarien (U1 Pro, Little Raccoon, Token-Plan) und einer Umsatzgröße von bereits 5 Milliarden RMB bei klar rückläufigen Verlusten. Dennoch bleibt der Aktienkurs träge – am 27. Juli schloss die Aktie bei 1,330 HKD, das 52-Wochen-Hoch lag bei 2,94 HKD. Der Markt bleibt vorsichtig gegenüber der Erzählung von der „Transformation der traditionellen KI".
Drei Dimensionen, drei Wege
Der direkte Vergleich der drei Unternehmen offenbart deutliche Unterschiede.
Modellfähigkeit: Zhichus GLM-5.2 und MiniMax’ M3 sind technologisch ebenbürtig, beide unterstützen 1M Kontext und Coding-Funktionen. SenseTimes U1 Pro verfolgt einen differenzierten Ansatz mit „Multimodalität + Lieferfähigkeit" und setzt auf einen geschlossenen Kreislauf von Verständnis über Generierung bis hin zur Aktion.
Kommerzialisierungsweg: Zhichu konzentriert sich auf B2B-Kunden aus Behörden und Unternehmen, setzt auf lokale Implementierung und MaaS-Plattformen. Das bringt höhere Bruttomargen, begrenzt aber das Wachstumstempo der Kundenzahl. MiniMax bedient sowohl C- als auch B-Segment, mit großer Nutzerbasis und schnellem Wachstum, doch die Schutzmechanismen im Consumer-Bereich schwinden. SenseTime erzielt den größten Umsatz und die schnellste Verlustreduktion, doch das Geschäft wird weiterhin von traditioneller KI dominiert, und der Markt ist bezüglich des Tempos der Transformation gespalten.
Bewertungslogik: Die drei Unternehmen befinden sich in unterschiedlichen Phasen der Bewertungsanpassung. Bei Zhichu schwindet das „Knappheitsprämium" rapide, der Markt sucht nach neuen Bewertungsankern. MiniMax hat eine starke Bewertungsanpassung hinter sich und liegt nun bei etwa 68,4 Milliarden HKD – die Frage ist, ob die Kommerzialisierung dieses Niveau trägt. SenseTimes Bewertung ist seit Langem gedrückt, doch bei anhaltender Profitabilitätsverbesserung besteht Potenzial für eine Neubewertung.
Zentrale Variablen in Phase zwei
Mit dem Eintritt der führenden KI-Aktien Hongkongs in die zweite Wettbewerbsphase verlagert sich der Marktfokus von „wessen Konzept klingt attraktiver" hin zu „wessen kommerzieller Closed Loop ist belastbarer".
Die Logikkette dieses Closed Loop lautet: Modellfähigkeit → Rechenressourcen → Anwendungsekosystem → kommerzieller Umsatz. Die Modellfähigkeit setzt die technologische Obergrenze, Rechenressourcen bestimmen Kosten und Skalierbarkeit, das Anwendungsekosystem regelt Reichweite und Datenfeedback, und der kommerzielle Umsatz entscheidet, ob das Unternehmen in die nächste F&E-Runde investieren kann. Alle vier Glieder sind unersetzlich – fällt eines aus, bricht der gesamte Kreislauf.
Jedes Unternehmen hat derzeit seine Schwächen. Zhichu überzeugt bei Modellfähigkeit und Rechenressourcen, doch die Effizienz bei der Umwandlung von Anwendungsekosystem in Umsatz ist fraglich – hohe Bewertung verlangt hohes Wachstum, und die Historie von 724 Millionen RMB Umsatz bei einer Billion Marktkapitalisierung zeigt, dass der Markt diese Diskrepanz nicht lange toleriert. MiniMax besitzt das kompletteste Nutzerökosystem und Produktportfolio, doch der Weg zur Profitabilität ist unklar und die Schutzmechanismen im Consumer-Bereich sind nicht bewiesen. SenseTime hat die gesündeste Umsatzgröße und Profitabilitätsentwicklung, aber die Marktwahrnehmung als „traditionelle KI" ist noch nicht überwunden.
Im zweiten Halbjahr 2026, mit weiteren Finanzdaten, nachlassendem Lock-up-Druck und klarerer Branchensituation, werden die drei Unternehmen einem noch härteren Wertetest unterzogen. Der Wettbewerb in der KI-Branche war nie ein Sprint – es ist ein Marathon, bei dem es darauf ankommt, ein nachhaltiges Gleichgewicht zwischen „Geldverbrennung, Wachstum und Profitabilität" zu finden.
FAQ
1. Worin unterscheiden sich Zhichu, MiniMax und SenseTime hinsichtlich ihrer Kerngeschäftsausrichtung?
Zhichu konzentriert sich auf grundlegende Fähigkeiten für universelle Large Models, mit der GLM-Serie und der MaaS-Plattform im Zentrum, primär für B2B-Kunden aus Behörden und Unternehmen. MiniMax verfolgt eine multimodale KI-Strategie, bietet Consumer-Produkte wie Talkie und Xingye sowie offene Plattformen für Unternehmenskunden. SenseTime baut auf der eigenen KI-Infrastruktur „SenseCore" auf und deckt generative KI, traditionelle KI und Smart Vehicles ab.
2. Wie sehen Umsatz- und Profitabilitätsprofile der drei Unternehmen aus?
2025 erzielte Zhichu einen Umsatz von 724 Millionen RMB bei einem Nettoverlust von 4,718 Milliarden RMB. MiniMax erwirtschaftete 553 Millionen RMB Umsatz und einen bereinigten Nettoverlust von 1,756 Milliarden RMB. SenseTime erzielte 5,015 Milliarden RMB Umsatz, einen Nettoverlust von 1,782 Milliarden RMB und erreichte im zweiten Halbjahr ein positives EBITDA. SenseTime hat den höchsten Umsatz und die stärkste Verlustreduktion.
3. Warum sind die Aktienkurse von Zhichu und MiniMax so stark von ihren Höchstständen zurückgegangen?
Hauptgrund ist das schwindende „Knappheitsprämium". Beide profitierten beim Börsengang vom Status als „erste Large-Model-Aktie", doch mit Auslaufen der Lock-up-Fristen und zunehmender Konkurrenz durch Open-Source-Modelle wie Kimi K3 bewertet der Markt nun nach Fundamentaldaten statt nach Konzepten. Die Marktkapitalisierung von MiniMax fiel von 410 Milliarden HKD auf rund 68,4 Milliarden HKD, Zhichu verlor fast 58 % vom Höchststand.
4. Wie verändert sich die Investmentlogik für KI-Aktien in Hongkong?
Der Markt bewegt sich weg von „Konzept-Spekulation" hin zu „Performance-Bewertung", wobei die Preisbildung nun auf vier Dimensionen basiert: Modellfähigkeit, Rechenressourcen, Anwendungsekosystem und kommerzieller Umsatz. Die Fähigkeit, einen positiven Kreislauf aus „grundlegender Modellfähigkeit – kommerziellem Ergebnis – Infrastrukturinvestition" zu etablieren, ist entscheidend für die langfristige Bewertung eines KI-Unternehmens.
5. Wie unterscheidet sich SenseTimes langfristige Wertlogik von Zhichu und MiniMax?
SenseTimes Vorteil liegt in „größtem Umsatzvolumen + schnellster Verlustreduktion + positivem EBITDA", was einen stärkeren finanziellen Sicherheitspuffer bietet. Allerdings dominiert weiterhin traditionelle KI das Geschäft, und der Markt ist bezüglich des Tempos der Transformation gespalten. Zhichu und MiniMax bieten mehr Fantasie, aber auch größere finanzielle Unsicherheit. Die Risiko-Rendite-Profile der drei Unternehmen unterscheiden sich deutlich.




