Technologie-Börsengänge an einem Wendepunkt? SpaceX-Rückgang und OpenAI-Verzögerung werfen Fragen auf

Märkte
Aktualisiert: 24.07.2026 08:04

Am 24. Juli 2026 schloss SpaceX (SPCX) an der Börse in Peking Zeit bei 118,24 US-Dollar, ein Tagesplus von 2,59 %. Diese scheinbar moderate Erholung wäre noch sechs Wochen zuvor undenkbar gewesen – am 12. Juni feierte SpaceX sein Debüt an der Nasdaq mit einem Ausgabepreis von 135 US-Dollar und sammelte inklusive Mehrzuteilungsoptionen rekordverdächtige 86 Milliarden US-Dollar ein. Bereits am dritten Handelstag stieg die Aktie auf ein Allzeithoch von 225,64 US-Dollar.

Es folgte eine anhaltende Korrektur. Am 15. Juli fiel der Kurs von SpaceX erstmals während des Handelstags unter den Ausgabepreis. Selbst mit dem Plus von 2,59 % am 24. Juli notiert die Aktie noch immer rund 47,6 % unter ihrem Höchststand und etwa 12,4 % unter dem Ausgabepreis.

SpaceX ist damit nicht allein. Die starken Kursverluste nach spektakulären Börsengängen verändern die Markterwartungen für Tech-Einhörner, die einen Börsengang planen.

Wandel am IPO-Markt: Von Hype-Jagd zu Zahlenanalyse

In den vergangenen Jahren drehte sich die Preisfindung am Kapitalmarkt für Technologieunternehmen vor allem um eines: Narrative. Der Aufstieg von KI-Modellen, die Kommerzialisierung der Raumfahrt, neue Energieträger und der Fokus auf heimische Deep-Tech-Innovationen – all diese großen Erzählungen trieben die Bewertungen am Primärmarkt immer weiter nach oben. Laut der im Juni 2026 veröffentlichten „Global Unicorn List 2026" des Hurun Research Institute stieg die Zahl der Einhörner weltweit auf 1.603, der Gesamtwert legte im Jahresvergleich um 43 % auf 8 Billionen US-Dollar zu. Darunter befanden sich 215 KI-Einhörner, ein Nettozuwachs von 87 innerhalb eines Jahres, die 36 % des Gesamtwerts ausmachen.

Doch in der zweiten Jahreshälfte 2026 verschiebt sich der Fokus des Marktes. Daten von Zhitong Finance zeigen, dass die gewichtete durchschnittliche Rendite für US-Börsengänge 2026 bis zum 15. Juli auf 6 % gefallen ist und damit hinter dem S&P 500, der im gleichen Zeitraum um 11 % zulegte, zurückbleibt. Biotech- und Pharma-IPOs erzielten zwar eine gewichtete Durchschnittsrendite von 55 %, doch ohne SPACs und andere Finanzvehikel lag die Gesamtrendite für US-IPOs bei einem Minus von 4,4 %. Der Markt kühlt also nicht pauschal ab – vielmehr gibt es eine klare strukturelle Divergenz: Sektoren mit realen Gewinnen bleiben gefragt, während Bereiche, die auf zukünftigen Erwartungen basieren, vor einer Neubewertung stehen.

Diese Entwicklung wird durch einen erneuten Fokus der Investoren auf drei zentrale Kennzahlen getrieben: Profitabilität, Cashflow und Verschuldung.

SpaceX’ Bewertungsdilemma: Starlink finanziert, Starship verbrennt

Der Kursverlauf von SpaceX macht die Fragilität „narrativgetriebener Bewertungen" deutlich.

Im Kern zeigt sich bei SpaceX eine klassische „Polarisierung": Starlink ist das einzige profitable Segment des Unternehmens und erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 11,387 Milliarden US-Dollar sowie einen operativen Gewinn von 4,423 Milliarden US-Dollar. Die Monopolstellung im globalen Satellitenkommunikationsmarkt dürfte kurzfristig kaum gefährdet sein. Allerdings verbrennen die Entwicklung von Starship und das KI-Geschäft von xAI weiterhin erhebliche Mittel, was 2025 zu einem Nettoverlust von 4,937 Milliarden US-Dollar und weiter steigenden Verlusten im ersten Quartal 2026 führte.

Beim Börsengang bewertete der Markt die „Weltraumvision" von SpaceX und den „Musk-Bonus" auf einem außergewöhnlich hohen Niveau. In der Spitze lag die Marktkapitalisierung des Unternehmens bei über 2 Billionen US-Dollar. Doch mit dem Platzen der Blase rückten die Fundamentaldaten wieder in den Mittelpunkt. Selbst nach der deutlichen Korrektur liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis (Forward) von SpaceX noch immer bei etwa 46 – deutlich höher als bei anderen Technologiewerten.

Noch alarmierender sind die Signale vom Anleihemarkt. Die Rendite der 30-jährigen SpaceX-Anleihe ist von 6,7 % bei Emission auf 7,4 % gestiegen und nähert sich damit dem Bereich von Hochzinsanleihen. Die Spreads für Credit Default Swaps (CDS) weiteten sich auf 158 Basispunkte aus, nach 110 am Monatsende Juni. Anleiheinvestoren nehmen Risiken in der Regel früher wahr als Aktionäre – wenn der Anleihemarkt ein Unternehmen als „Ramsch" einstuft, geraten die Aktienbewertungen zunehmend unter Druck.

Auch die Leerverkäufer verstärken ihre Positionen. Nach Angaben von S3 Partners liegt das Short Interest bei SpaceX zwischen 185 und 196 Millionen Aktien, was 29 % bis 31 % des Streubesitzes entspricht – ein dramatischer Anstieg gegenüber etwa 40 Millionen Aktien vor drei Wochen. Zum 24. Juli hatten Leerverkäufer nicht realisierte Gewinne von rund 15,5 Milliarden US-Dollar erzielt.

Ein weiterer Belastungstest steht im August bevor: Mit dem Auslaufen der Lock-up-Frist können erstmals Insider und Mitarbeitende Aktien verkaufen – bis zu 911,5 Millionen Stück, mehr als das 1,4-fache des IPO-Streubesitzes. Die plötzliche Ausweitung des Streubesitzes in Kombination mit anhaltendem Short-Druck deutet darauf hin, dass eine Erholung der SpaceX-Bewertung ein langwieriger Prozess werden dürfte.

Ausstrahlungseffekte: OpenAI verschiebt, KI-Einhörner unter Druck

Die Entwicklung bei SpaceX zieht weite Kreise nach sich.

Am unmittelbarsten betroffen sind KI-Giganten, die einen Börsengang planen. OpenAI wollte ursprünglich in der zweiten Jahreshälfte 2026 an die Börse gehen, doch nach dem Kursrückgang von SpaceX favorisiert das Unternehmen nun eine Verschiebung auf 2027. Das Management beharrt auf einer Bewertung von 1 Billion US-Dollar und ist nicht bereit, für einen schnelleren Börsengang Abstriche zu machen. An der Wall Street rechnet man damit, dass geplante IPOs großer KI-Modell-Unternehmen, die eigentlich für Ende 2026 vorgesehen waren, angesichts der sinkenden Risikobereitschaft nun auf das erste Halbjahr 2027 verschoben werden.

Noch komplexer ist die Lage bei Anthropic. Nach der Series-H-Finanzierungsrunde im Mai 2026 lag die Bewertung bei 965 Milliarden US-Dollar, und das Unternehmen hat bereits heimlich einen Börsengang beantragt – möglicherweise schon im Oktober. Doch die IPO-Performance von SpaceX setzt für die Preisfindung von Anthropic einen ungünstigen Referenzpunkt. Wenn ein Unternehmen, das 86 Milliarden US-Dollar einnimmt und ein profitables Starlink-Segment vorweisen kann, dennoch unter Ausgabepreis notiert – wie soll dann ein KI-Unternehmen ohne Gewinne bewertet werden?

Auch die Signale vom Sekundärmarkt sind ernüchternd. Die Datenbank von Stanford-Professor Ilya Stedublaev zeigt, dass bis Mai 2026 von 1.900 Einhörnern 332 Kapital zu oder unter ihrer Höchstbewertung aufgenommen haben, davon 212 unter der Schwelle von 1 Milliarde US-Dollar. 383 Unternehmen haben in den vergangenen drei Jahren keinerlei neue Finanzierungspläne bekannt gegeben. PitchBook schätzt, dass durch Neubewertungen oder Insolvenzen dieser Unternehmen ein Nettoverlust von 500 Milliarden bis 1 Billion US-Dollar entsteht.

„Zombie-Einhörner" breiten sich aus – Unternehmen, die am Primärmarkt überbewertet wurden, nun aber weder an die Börse gehen noch übernommen werden können und Schwierigkeiten haben, weiteres Kapital zu beschaffen. Das wird zunehmend zur neuen Normalität im Silicon Valley.

Von „Wachstumsgeschichten" zu „Fundamentaldaten": Paradigmenwechsel bei IPO-Bewertungen

Der IPO-Verlauf von SpaceX steht für einen tiefergehenden Trend: Die Kapitalmärkte vollziehen den Wandel von „Story-Investing" zu „Fundamental-Investing".

In den vergangenen zehn Jahren sorgten niedrige Zinsen und reichlich Liquidität dafür, dass Investoren bereit waren, für „potenzielle Marktgröße" und „zukünftige Cashflows" hohe Prämien zu zahlen. KI, Raumfahrt, neue Energien, Deep Tech – all diese Sektoren boten überzeugende Geschichten, die die Bewertungen am Primärmarkt stützten. Die 1.603 Einhörner und 8 Billionen US-Dollar Gesamtwert auf der Hurun-Liste sind größtenteils Produkte dieses lockeren Umfelds.

Doch die Rahmenbedingungen ändern sich. Zinserwartungen der Fed, steigende Investitionsausgaben der Tech-Giganten und Unsicherheiten bei der Kommerzialisierung von KI dämpfen die Risikobereitschaft. Investoren stellen nun die grundlegende Frage: Wann verdient dieses Unternehmen tatsächlich Geld?

Gerade für Tech-Einhörner, die sich noch in der Phase „Wachstum durch Verluste" befinden, ist diese Frage besonders drängend. Selbst SpaceX, das mit Starlink ein profitables Segment hat, notiert unter seinem Ausgabepreis. Für kleinere, verlustreiche KI-Start-ups werden die Bewertungshürden noch höher.

Im größeren Kontext durchläuft der IPO-Markt derzeit eine grundlegende Umstrukturierung seines Bewertungsrahmens. In den vergangenen Jahren klaffte die Schere zwischen Primär- und Sekundärmarktbewertungen immer weiter auseinander – die Bewertungen am privaten Markt überstiegen oft das, was der öffentliche Markt tragen konnte. Der Kursrückgang von SpaceX nach dem Börsengang, die Kurskorrektur bei SK Hynix und die Verschiebung des OpenAI-Listings weisen alle in die gleiche Richtung: Der Sekundärmarkt bewertet Tech-Unternehmen zunehmend nach strengeren Maßstäben neu.

Fazit

Die Achterbahnfahrt von SpaceX von 225,64 auf 118,24 US-Dollar ist mehr als nur eine Kursschwankung eines einzelnen Unternehmens. Sie ist ein Spiegelbild für den Wandel der Bewertungslogik an den Kapitalmärkten – wenn die Ära der überschüssigen Liquidität und narrativgetriebenen Bewertungen endet, rücken Profitabilität, Cashflow und Verschuldung in den Mittelpunkt.

Für Tech-Einhörner, die einen Börsengang anstreben, bedeutet das: Sie müssen sich auf ein deutlich schwierigeres Bewertungsumfeld einstellen. OpenAI zieht es vor, den Börsengang zu verschieben, anstatt den Ausgabepreis zu senken, Anthropic geht mit einer Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar an den Start – diese Entscheidungen werden sich in den kommenden Monaten am Markt bewähren müssen.

Für Investoren bedeutet der Paradigmenwechsel am IPO-Markt, dass sie ihre Erwartungen an neue Börsenstrategien neu kalibrieren müssen. Die alte Logik, mit jedem IPO das große Los zu ziehen, wird zunehmend durch eine komplexere Fundamentalanalyse ersetzt.

Der Markt für Tech-IPOs im Jahr 2026 erlebt einen tiefgreifenden Wandel – von „Geschichten" zu „Zahlen". SpaceX ist dabei nur die prominenteste Fußnote dieser Transformation.

FAQ

F: Warum ist der Kurs von SpaceX nach dem Börsengang so stark gefallen?

Der Hauptgrund ist die Diskrepanz zwischen Bewertung und Fundamentaldaten. Beim Börsengang wurde SpaceX auf Basis seiner „Weltraumvision" und des „Musk-Bonus" bewertet, doch abgesehen von Starlink schreiben Starship und xAI weiterhin hohe Verluste – 2025 lag der Nettoverlust bei 4,937 Milliarden US-Dollar. Mit nachlassendem Hype, dem Auslaufen der Lock-up-Frist im August und steigendem Short-Interest kehrt der Kurs zunehmend zu einer fundamentalen Bewertung zurück.

F: Warum hat OpenAI seine IPO-Pläne verschoben?

OpenAI plante ursprünglich einen Börsengang in der zweiten Jahreshälfte 2026, doch nach dem Kursrückgang von SpaceX und der abgekühlten Stimmung im KI-Sektor bevorzugt das Unternehmen nun eine Verschiebung auf 2027. Das Management beharrt auf einer Bewertung von 1 Billion US-Dollar und ist nicht bereit, für eine schnellere Notierung den Preis zu senken.

F: Was ist ein „Zombie-Einhorn"?

Damit sind Einhörner gemeint, die am Primärmarkt hohe Bewertungen erhielten, nun aber feststecken – sie können weder an die Börse gehen noch übernommen werden und haben Schwierigkeiten, zusätzliches Kapital zu beschaffen. Bis Mai 2026 sind etwa 212 Einhörner unter die Schwelle von 1 Milliarde US-Dollar gefallen.

F: Was bedeutet der Wandel am IPO-Markt von „Wachstumsgeschichten" zu „Fundamentaldaten"?

Das heißt, dass die Bewertungslogik des Marktes sich von „potenzieller zukünftiger Marktgröße" hin zu „aktueller Profitabilität, Cashflow und Verschuldung" verschiebt. Investoren sind nicht mehr bereit, hohe Prämien für unbewiesene Narrative zu zahlen, sondern verlangen einen klaren Weg zur Profitabilität.

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