An der Schnittstelle zwischen globaler Energiewende und der Neugestaltung der Lieferketten für kritische Mineralien verfolgt ein Unternehmen namens The Metals Company (NASDAQ: TMC) eine bislang einzigartige Strategie zur Rohstoffgewinnung: das Bergen von polymetallischen Knollen aus 4.000 Metern Tiefe am Grund des Pazifiks. Seit 2026 hat das kanadische Unternehmen entscheidende Meilensteine bei regulatorischen Genehmigungen, kommerziellen Partnerschaften und juristischen Auseinandersetzungen erreicht – und sieht sich gleichzeitig mit den doppelten Herausforderungen von Umweltkontroversen und finanziellem Druck konfrontiert.
Warum polymetallische Tiefsee-Knollen im Fokus der Versorgung mit kritischen Mineralien stehen
The Metals Company plant, polymetallische Knollen in der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) zu sammeln, die zwischen Hawaii und Mexiko liegt. Diese etwa kartoffelgroßen Knollen sind über Millionen Jahre hinweg auf natürliche Weise entstanden, liegen lose auf dem Meeresboden verteilt und sind reich an vier wirtschaftlich bedeutenden Metallen: Nickel, Kupfer, Kobalt und Mangan. Nach Unternehmensangaben lagern in der Region mehr als 1 Milliarde Tonnen polymetallischer Knollen.
Auf der Nachfrageseite sorgt der Boom bei KI-Rechenleistung und die weltweite Verbreitung von Elektrofahrzeugen für einen sprunghaften Anstieg beim Bedarf an kritischen Metallen. Prognosen zufolge wird die globale Flotte an Elektrofahrzeugen in den kommenden Jahren die Marke von 1 Milliarde überschreiten – mit einem Bedarf von 56 Millionen Tonnen Nickel, 7 Millionen Tonnen Mangan, 7 Millionen Tonnen Kobalt und 85 Millionen Tonnen Kupfer. 2019 lag die weltweite Produktion lediglich bei 2,3 Millionen Tonnen Nickel (wobei nur die Hälfte für Batterien geeignet war), 18 Millionen Tonnen Mangan, 140.000 Tonnen Kobalt und 12 Millionen Tonnen Kupfer – was eine erhebliche Versorgungslücke offenbart. Der traditionelle Bergbau kämpft mit sinkenden Erzgehalten, enormen Investitionsanforderungen und langwierigen Genehmigungsverfahren, wodurch polymetallische Tiefsee-Knollen als strategische Ergänzung in den Fokus rücken.
Von Pilotversuchen zum kommerziellen System: Wie die Technologie eingesetzt wird
Am 11. Mai 2026 unterzeichnete The Metals Company eine Entwicklungs- und Produktionsvereinbarung mit dem maritimen Ingenieursunternehmen Allseas, um gemeinsam das weltweit erste kommerzielle Tiefsee-Bergungssystem für polymetallische Knollen zu entwickeln und zu betreiben. Das System ist für eine Jahreskapazität von 3 Millionen Nass-Tonnen ausgelegt und wird zwei Sammelfahrzeuge im Tandem in Tiefen von über 4.000 Metern einsetzen. Allseas hatte bereits 2022 einen erfolgreichen Pilotversuch mit der Bergung von 3.000 Tonnen Knollen abgeschlossen und übernimmt nun die vollständige Verantwortung für Beschaffung, Integration und Betrieb des Systems – einschließlich Sammelfahrzeugen, Einsetz- und Bergungsgeräten, Steigrohren, dem Überwasserschiff „Hidden Gem" und Transportschiffen.
Gemäß Vereinbarung trägt Allseas den Großteil der Entwicklungskosten und wird diese schrittweise über Produktionserlöse refinanzieren. Die konzeptionelle und grundlegende Auslegung der wichtigsten, langfristig zu beschaffenden Komponenten ist abgeschlossen; Ausschreibungen und Lieferantengespräche stehen unmittelbar bevor. Die Vergabe der Unteraufträge wird bis Ende Q3 2026 erwartet. Die Systemintegration und Inbetriebnahme sollen im Q4 2027 beginnen, mit dem Ziel, in der zweiten Jahreshälfte 2027 den Tiefsee-Bergbaubetrieb aufzunehmen.
Umgehung internationaler Rahmenwerke: Warum der US-Regulierungsweg eine strategische Entscheidung ist
Die Wahl des regulatorischen Weges durch The Metals Company zählt zu den umstrittensten strategischen Entscheidungen des Unternehmens. Anfang 2025 verlagerte das Unternehmen seinen Genehmigungsfokus auf den US-amerikanischen Rechtsrahmen und umging damit das Patt bei der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA), die bislang keine globalen Bergbauregeln verabschiedet hat.
Am 22. Januar 2026 reichte die US-Tochtergesellschaft von TMC ihren ersten integrierten Genehmigungsantrag bei der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) ein. Am 28. April stellte die NOAA fest, dass der Antrag für das Gebiet „USA A" vollständig mit dem Deep Seabed Hard Mineral Resources Act (DSHMRA) übereinstimmt. Am 28. Mai zertifizierte die NOAA zudem den Antrag für die Explorationsgenehmigung im Gebiet „USA B". Das Gebiet „USA B" umfasst rund 122.000 Quadratkilometer und wird auf 1,02 Milliarden Tonnen polymetallischer Knollen geschätzt. Im nächsten Schritt wird die NOAA eine Bekanntmachung zur Erstellung einer Umweltverträglichkeitsprüfung veröffentlichen und eine öffentliche Anhörungsphase einleiten. Das Unternehmen erwartet die endgültige kommerzielle Bergbaugenehmigung vor Q1 2027.
Diese Strategie hat unmittelbar zu einem Rechtsstreit mit der Internationalen Meeresbodenbehörde geführt.
Eskalierender Rechtsstreit: Wie die ISA-Klage die Branchenregeln prägt
Im Juni 2026 reichten die beiden Tochtergesellschaften von The Metals Company – Nauru Ocean Resources Inc. (NORI) und Tonga Offshore Mining Ltd. (TOML) – beim Internationalen Seegerichtshof (ITLOS) Klage gegen die ISA ein. Im Kern des Streits steht die Entscheidung der ISA, die TMC-Töchter als Auftragnehmer mit „besonderer Aufmerksamkeit" einzustufen – was laut TMC „ohne rechtliche Verfahrensgrundlage erfolgte und gegen das Recht auf ein faires Verfahren verstößt". Zuvor hatte der Generalsekretär der ISA alle 21 Explorationsauftragnehmer aufgefordert, Informationen zu möglichen Vertragsverstößen vorzulegen.
Am 20. Juli 2026 entschied die Seebodenstreitkammer des ITLOS, dass die ISA die Verfahrensrechte von NORI und TOML zu respektieren habe. Am selben Tag reagierte Greenpeace Kanada und erklärte, TMCs „einseitiger Tiefseebergbau" verstoße „gegen internationales Recht". Am 22. Juli wies das Oberste Seegericht den Antrag des Bergbauunternehmens auf Aussetzung der ISA-Untersuchung ab. Dieser Rechtsstreit betrifft nicht nur das Schicksal eines einzelnen Unternehmens – er könnte das Machtgefüge in der internationalen Meeresressourcen-Governance grundlegend verändern.
Finanzielle Realität und Marktbewertung: Die Logik vor der Kommerzialisierung
Zum 31. März 2026 hatte The Metals Company noch keine Umsätze erzielt. Der Nettoverlust für Q1 2026 betrug 20,599 Millionen US-Dollar, das operative Ergebnis lag bei minus 33,982 Millionen US-Dollar. Das Unternehmen verfügte über etwa 119,7 Millionen US-Dollar an liquiden Mitteln und rund 164 Millionen US-Dollar an kurzfristig verfügbaren Vermögenswerten (inklusive Kreditlinien).
Am 22. Juli 2026 notierten TMC-Aktien laut Gate-Marktdaten bei 4,02 US-Dollar. Das 52-Wochen-Hoch betrug 11,35 US-Dollar (13. Oktober 2025), womit der aktuelle Kurs etwa 64,6 % unter dem Höchststand liegt. Analysten empfehlen die Aktie mehrheitlich als „starken Kauf", mit einem durchschnittlichen 12-Monats-Kursziel von 10,83 US-Dollar. Im Januar 2026 hob HC Wainwright das Kursziel auf 11,75 US-Dollar an.
Die Marktbewertung basiert auf der Erwartung eines erfolgreichen Markteintritts, nicht auf aktuellen Gewinnen. Fortschritte bei regulatorischen Genehmigungen, juristische Entscheidungen und Umweltkontroversen sind entscheidende Variablen für die Bewertung.
Umweltkontroverse und wissenschaftliche Unsicherheit: Das ethische Dilemma des Tiefseebergbaus
Der zentrale Kritikpunkt am Tiefseebergbau ist, dass das Wissen der Menschheit über die Ökosysteme der Tiefsee äußerst begrenzt ist. Umweltorganisationen warnen, dass der Einsatz industrieller Sammeltechnik am Meeresboden zu irreversiblen Verlusten an Biodiversität und zur dauerhaften Störung benthischer Lebensräume führen könnte. Am 19. Juli 2026 protestierte Greenpeace in Basel und erklärte, der Tiefseebergbau hätte „verheerende" Auswirkungen auf die Meeresökosysteme.
The Metals Company hat darauf reagiert und der von der ISA verwalteten öffentlichen DeepData-Datenbank biologische und geochemische Probendaten aus zehn Jahren (2013 bis 2022) zur Verfügung gestellt. Die Umweltmanagerin des Unternehmens betonte: „Kein Bergbau ist nachhaltig; es handelt sich grundsätzlich um die Entnahme endlicher Ressourcen", hob jedoch hervor, dass das Sammeln von Knollen ohne Bohren oder Sprengen auskommt und theoretisch einige Umweltauswirkungen des konventionellen Bergbaus vermeiden kann.
Im Zentrum der Kontroverse steht eine unausweichliche Frage: Die Welt benötigt kritische Mineralien, um den Klimawandel zu bekämpfen – doch deren Gewinnung aus der Tiefsee könnte gravierende Umweltschäden verursachen. Der Konflikt zwischen diesen beiden dringlichen Bedürfnissen bildet das grundlegende ethische Dilemma der Branche.
Geopolitische Variablen: Die Rolle der Tiefsee im Wettbewerb um kritische Rohstoff-Lieferketten
Geopolitische Faktoren verleihen The Metals Company strategischen Wert. China ist der weltweit wichtigste Lieferant seltener Erden und hat das Angebot bereits als Druckmittel eingesetzt – was die USA und andere Länder dazu veranlasst, ihre Bezugsquellen für kritische Mineralien zu diversifizieren. Im April 2025 unterzeichnete Präsident Trump eine Executive Order zur Beschleunigung der Genehmigungen für Meeresbodenmineralien in internationalen Gewässern. Im Januar 2026 verabschiedete die US-Regierung endgültige Regeln zur Beschleunigung des Tiefseebergbaus in internationalen Gewässern.
Die USA vertreten auf Basis des Deep Seabed Hard Mineral Resources Act die Auffassung, dass Tiefseebergbau durch US-Bürger in internationalen Gewässern zur Freiheit der Hohen See gehört. Diese Rechtsauffassung steht im direkten Widerspruch zum multilateralen System der ISA im Rahmen des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen. The Metals Company steht an vorderster Front dieses Zusammenpralls zweier Rechtsordnungen.
Fazit
The Metals Company steht für einen unkonventionellen Ansatz der Rohstoffgewinnung: Das Unternehmen gräbt nicht an Land und betreibt keine Minen, sondern sammelt über Millionen Jahre entstandene polymetallische Knollen vom Meeresboden des Pazifiks. Das Jahr 2026 markiert einen entscheidenden Wendepunkt von der Exploration zur Kommerzialisierung – mit dem Allseas-Abkommen als technologischem Meilenstein, der NOAA-Zertifizierung als regulatorischem Fortschritt und den juristischen Auseinandersetzungen mit der ISA als Belastungstest für die internationale Meeres-Governance.
Die Kommerzialisierung hat jedoch faktisch noch nicht begonnen. Das Unternehmen erzielt bislang keine Umsätze und schreibt weiterhin Verluste, die endgültigen Genehmigungen werden erst für Q1 2027 erwartet. Umweltkontroversen, rechtliche Unsicherheiten und technologische Risiken machen die Zukunftsaussichten höchst ungewiss. Für Branchenbeobachter liegt der Wert von The Metals Company nicht nur im Potenzial, der weltweit erste kommerzielle Tiefseebergbau-Betreiber zu werden, sondern auch darin, die Grenzen dieser entstehenden Branche mitzugestalten – ungeachtet des späteren Erfolgs oder Scheiterns wird der Weg des Unternehmens ein wichtiger Referenzpunkt in der Geschichte der Tiefsee-Rohstoffgewinnung sein.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
F: Wo plant The Metals Company, Metalle vom Meeresboden abzubauen?
A: Das Unternehmen plant den Betrieb in der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) im Pazifik, die in internationalen Gewässern zwischen Hawaii und Mexiko liegt. Es hält Explorationsrechte für den NORI-D-Block sowie für TMC USA A, USA B und weitere Gebiete.
F: Welche Metalle finden sich in polymetallischen Tiefsee-Knollen?
A: Polymetallische Knollen enthalten vor allem vier wirtschaftlich bedeutende Metalle: Nickel, Kupfer, Kobalt und Mangan. Diese sind zentrale Rohstoffe für Batterien von Elektrofahrzeugen, saubere Energietechnologien und Anwendungen im Verteidigungsbereich.
F: Wann beginnt The Metals Company mit der kommerziellen Produktion?
A: Das Unternehmen erwartet die endgültige kommerzielle Bergbaugenehmigung im Q1 2027, die Inbetriebnahme des Systems ist für Q4 2027 geplant, und der Start des Tiefseebergbaus soll in der zweiten Jahreshälfte 2027 erfolgen.
F: Wie ist die aktuelle finanzielle Lage des Unternehmens?
A: Im Q1 2026 hat das Unternehmen noch keine Umsätze erzielt und einen Nettoverlust von 20,599 Millionen US-Dollar ausgewiesen. Die liquiden Mittel beliefen sich auf etwa 119,7 Millionen US-Dollar, die kurzfristig verfügbaren Vermögenswerte auf rund 164 Millionen US-Dollar.
F: Was sind die Hauptkontroversen rund um den Tiefseebergbau?
A: Im Mittelpunkt steht die Unsicherheit über die Umweltauswirkungen. Umweltorganisationen und Wissenschaftler warnen, dass das Wissen über Tiefsee-Ökosysteme begrenzt ist und der Abbau am Meeresboden zu irreversiblen Verlusten an Biodiversität und zu Ökosystemschäden führen könnte. Befürworter argumentieren, dass das Sammeln von Knollen kein Bohren oder Sprengen erfordert und somit einige Umweltkosten des konventionellen Bergbaus vermeiden kann.
F: Worin besteht der Rechtsstreit zwischen der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) und The Metals Company?
A: Die TMC-Töchter NORI und TOML haben die ISA vor dem Internationalen Seegerichtshof verklagt, weil die Einstufung als „Auftragnehmer mit besonderer Aufmerksamkeit" ihrer Ansicht nach das Recht auf ein faires Verfahren verletzt. Im Juli 2026 entschied das Gericht, dass die ISA die Verfahrensrechte der Tochtergesellschaften respektieren muss.




