Am 15. Juli 2026 (UTC+8) schloss die Aktie der Circle Internet Group (NYSE: CRCL) mit einem Kurs von 63,22 $, was einem moderaten Tagesplus von 0,35 % entspricht, nachdem zuvor ein Tagestief von 59,29 $ erreicht wurde. Im Verlauf des vergangenen Jahres hat CRCL 67,63 % an Wert verloren und liegt damit rund 78,8 % unter dem 52-Wochen-Hoch von 298,99 $. Nur einen Tag zuvor hatte die japanische Investmentbank Mizuho Circle von „Neutral" auf „Underperform" herabgestuft und das Kursziel von 85 $ auf 50 $ gesenkt. Am selben Tag reduzierte auch JPMorgan seine Gewinnerwartungen sowohl für Circle als auch für Coinbase.
Beide pessimistischen Einschätzungen von der Wall Street führen auf eine zentrale Variable zurück – Open USD (OUSD).
Mizuho’s Downgrade-Logik: Wie bedroht Open USD das Gewinnmodell von Circle?
Mizuho-Analyst Dan Dolev erklärte in seinem Bericht, dass das Geschäftsmodell von Open USD „das Geschäftsmodell von Circle grundlegend verändern könnte, das darauf basiert, den Großteil der Treasury-Rendite einzubehalten, um Umsätze zu generieren".
Um diese Einschätzung zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Gewinnstruktur von Circle. Das Kerngeschäft von Circle ist äußerst fokussiert: Nutzer hinterlegen US-Dollar, um USDC zu prägen, und Circle investiert sämtliche Reserven in kurzfristige US-Staatsanleihen, um von der Zinsdifferenz zu profitieren. Nach der Umsatzbeteiligung mit Vertriebspartnern wie Coinbase und Binance verbleiben bei Circle tatsächlich etwa 38 % der Reservenerträge. Im Geschäftsjahr 2025 belief sich der Gesamtumsatz von Circle auf 2,747 Milliarden US-Dollar, wobei allein die Vertriebskosten an Coinbase jährlich über 900 Millionen US-Dollar ausmachten.
Open USD verfolgt einen radikal anderen Ansatz. Unter der Leitung der Open Standard Alliance schüttet OUSD den Großteil der Reservenerträge direkt an Emittenten und Distributoren aus und behält lediglich eine geringe Verwaltungsgebühr ein. Der Allianz gehören über 140 Unternehmen an, darunter Visa, Mastercard, Stripe, BlackRock, Coinbase und Google. Stripe hat bereits angekündigt, OUSD als Standard-Stablecoin für Geschäftstransaktionen auf seiner Plattform einzuführen, und Coinbase hat bestätigt, OUSD in das Base-Netzwerk zu integrieren.
Mizuho sieht in diesem „Profit-Sharing"-Modell drei Belastungsfaktoren:
Erstens: Größere Verhandlungsmacht der Distributoren. Die Umsatzbeteiligungsvereinbarung zwischen Circle und seinem größten Vertriebspartner Coinbase läuft im August 2026 aus. Coinbase ist zudem Gründungsmitglied von Open USD und kann daher mit mehr Nachdruck verhandeln. Mizuho erwartet, dass die Vertriebs- und Transaktionskosten von Circle im Verhältnis zum Umsatz von 64 % auf 73 % steigen.
Zweitens: Anhaltender Margendruck. Mizuho senkte seine Prognose für das bereinigte EBITDA 2027 von Circle von 1,09 Milliarden auf 699 Millionen US-Dollar – etwa 25 % unter dem Wall-Street-Konsens von 941 Millionen US-Dollar. Selbst unter der Annahme höherer Zinssätze im Modell für 2027 ist Mizuho der Ansicht, dass „dies nicht ausreicht, um einen möglichen Preisverfall auszugleichen".
Drittens: Bewertungsabschlag. Mizuho wendet auf Circle ein EBITDA-Multiple von etwa dem 17-Fachen an – ein Abschlag von drei Punkten gegenüber vergleichbaren Unternehmen (Visa, Mastercard, Coinbase, Robinhood), die im Schnitt beim 20-Fachen liegen. Begründung: Nachlassendes Wachstum der USDC-Marktkapitalisierung und zunehmender Wettbewerb im Stablecoin-Sektor.
USDCs Wachstumsproblem: Schrumpfendes Angebot und Marktdruck
Ein weiterer Grund für das Downgrade ist die nachlassende Wachstumsdynamik von USDC.
Mitte Juli 2026 beträgt das zirkulierende Angebot von USDC etwa 73 Milliarden US-Dollar – rund 7 Milliarden weniger als am Höchststand im März 2026 bei knapp 80 Milliarden US-Dollar. Dieses Schrumpfen vollzieht sich vor dem Hintergrund eines allgemeinen Abschwungs am Stablecoin-Markt: Seit Mai 2026 ist die weltweite Stablecoin-Marktkapitalisierung um rund 100 Milliarden auf 3,12 Billionen US-Dollar gesunken. Allein im Juni gingen 77 Milliarden US-Dollar verloren – der größte monatliche Rückgang seit dem Zusammenbruch von Terra-Luna im Jahr 2022.
Obwohl USDC nach Marktkapitalisierung weiterhin der zweitgrößte Stablecoin der Welt ist, steht er unter mehrschichtigem Druck. Einerseits führt die rückläufige Aktivität am Kryptomarkt direkt zu sinkender Stablecoin-Nachfrage. Andererseits treten zunehmend regulierte neue Stablecoin-Emittenten in den Markt ein und verwässern den bestehenden Anteil. Zwar erhielt Circle am 10. Juli 2026 die endgültige Genehmigung vom US Office of the Comptroller of the Currency (OCC), die landesweite Digital-Asset-Trust-Bank Circle National Trust zu gründen, doch Mizuho betont, dass dieser regulatorische Meilenstein „die grundlegenden Probleme, die auf dem Aktienkurs lasten, nicht löst".
Konsens trotz Divergenz: Wo liegt der eigentliche Burggraben?
Die Wall Street ist jedoch nicht einhellig pessimistisch.
Am Tag nach der Open-USD-Ankündigung (01. Juli 2026) bestätigte Bernstein seine „Outperform"-Einschätzung für Circle und setzte ein Kursziel von 190 $ – mehr als 200 % über dem damaligen Schlusskurs von 62,63 $. Bernstein argumentiert, dass das Ausmaß der Open-USD-Allianz Stablecoins als wachsende Anlageklasse bestätigt, anstatt eine direkte Bedrohung für Circle darzustellen. Auch die Analysten von William Blair bleiben bei „Outperform" und bezeichnen OUSD als „eine Lösung auf der Suche nach einem Problem".
Der Kern dieser Meinungsverschiedenheit liegt in unterschiedlichen Auffassungen über die Quelle von Circles Burggraben.
Die Optimisten stützen ihre Argumentation auf drei Punkte: Erstens ist USDC tief im DeFi-Ökosystem, in der Base-Blockchain und in KI-gestützter Krypto-Zahlungsinfrastruktur verankert, was einen kurzfristigen Wechsel teuer macht. Zweitens wird Circle monatlich von Deloitte geprüft, und das Compliance-Framework – einschließlich MiCA-Zertifizierung und OCC-Trust-Bank-Lizenz – dient institutionellen Partnern als Vertrauensbarriere. Drittens könnte Circles regulatorischer Vorsprung, falls in den USA eine formelle Stablecoin-Gesetzgebung verabschiedet wird, zu einem Bewertungsaufschlag führen.
Die Pessimisten hingegen sehen ein tiefer liegendes strukturelles Problem: Der Wettbewerb im Stablecoin-Sektor verlagert sich womöglich von „Wer ist konformer?" hin zu „Wer kontrolliert die größten Vertriebskanäle?". Die Open-USD-Allianz ist im Kern ein „Distributoren-Konsortium" – sie ermöglicht es Akteuren mit Zahlungsnetzwerken (Stripe, Visa), Händlerökosystemen (Shopify) und institutionellen Kapitalströmen (BlackRock), direkt an den Reservenerträgen zu partizipieren, und schafft so Anreize, OUSD gegenüber USDC zu bevorzugen.
Das „Float-Capture-Modell" von Circle basiert auf der Annahme, dass die Emission von Stablecoins an sich eine wertvolle und knappe Fähigkeit ist. Open USD verfolgt die gegenteilige Logik: Nicht die Emission, sondern die Distribution ist der eigentliche Werttreiber. Sollte sich diese Logik am Markt durchsetzen, steht Circles Positionierung als „digitale Dollar-Infrastruktur" vor einer grundlegenden Herausforderung.
Die Analyse von JPMorgan bestätigt diesen Trend aus einer anderen Perspektive. Die Bank weist darauf hin, dass laut den überarbeiteten USDC-Partnerschaftsbedingungen zwischen Circle und der dezentralen Börse Hyperliquid künftig Coinbase die gesamten USDC-Reservenerträge im Zusammenhang mit Hyperliquid erhält und davon rund 90 % an die DEX zurückführt. JPMorgan spricht von einem „Gefangenendilemma" – Circle und Coinbase sind gezwungen, sich gegenseitig zu unterbieten, um Partner durch möglichst attraktive Umsatzbeteiligungen zu halten. Hyperliquid hält etwa 6 Milliarden USDC – rund 8 % des gesamten Umlaufs.
Worauf sollten Anleger achten?
Zusammengefasst steht Circle nicht nur im eindimensionalen Wettbewerb, sondern in einem mehrschichtigen Wettstreit um Gewinnmodell, Vertriebslandschaft und Preissetzungsmacht der Branche. Zu beobachtende Schlüsselfaktoren sind:
USDC-Angebotstrends. Ob 73 Milliarden US-Dollar einen zyklischen Tiefpunkt oder den Beginn eines längeren Abschwungs markieren, spiegelt direkt die Marktnachfrage und den Rückgabedruck wider.
Entwicklung der Reservenerträge. Über 95 % der Umsätze von Circle stammen aus den USDC-Reservenzinsen auf US-Staatsanleihen. Jede Änderung des Zinskurses der Fed wirkt sich daher multiplizierend auf die Profitabilität von Circle aus.
Umverteilung der Stablecoin-Marktanteile. Die Akzeptanzrate von Open USD nach dem Start – insbesondere reale Transaktionsvolumina im Stripe- und Coinbase-Ökosystem – wird zum Lackmustest für die These des „Vertriebskanal-Vorteils".
Ergebnis der Umsatzbeteiligungs-Verhandlungen mit Coinbase. Die August-Verhandlungen werden ein entscheidender Indikator für die Gewinnmargen von Circle sein. Eine deutliche Erhöhung des Umsatzanteils würde Mizuhos Hauptbedenken bestätigen.
Q2-Geschäftsbericht. Am Markt werden für das Quartal 0,20 $ Gewinn je Aktie erwartet. Tatsächliche Daten zu Umsatzwachstum, EBITDA-Marge und durchschnittlichem USDC-Umlauf bieten eine objektivere Orientierung als jede Analystenmeinung.
Fazit
Circle verfügt derzeit über den weltweit zweitgrößten Stablecoin, das strengste Compliance-Framework und die tiefste DeFi-Integration. Doch der Aufstieg von Open USD markiert einen Wandel in der Stablecoin-Branche – weg vom „Produktwettbewerb" hin zum „Ökosystemwettbewerb". Es geht nicht mehr darum, welcher Stablecoin sicherer ist, sondern darum, wer die Vertriebskanäle kontrolliert und wer die Renditeverteilung bestimmt.
Für CRCL-Anleger dürfte die zentrale Frage für das zweite Halbjahr 2026 nicht mehr lauten: „Kann USDC den zweiten Platz halten?", sondern vielmehr: „Kann Circles Burggraben in einer Ära, in der Distribution alles ist, bestehen?" Die Antwort ist offen – der Wettstreit hat jedoch längst begonnen.
FAQ
F1: Warum hat Mizuho Circle (CRCL) auf „Underperform" herabgestuft?
Mizuho ist der Ansicht, dass das „Yield-Pass-Through-Modell" von Open USD den Großteil der Reservenerträge an Distributoren weitergibt, wodurch Circle gezwungen sein könnte, mehr Einnahmen an Partner wie Coinbase abzugeben und die Margen sinken. Mizuho hat die EBITDA-Prognose für Circle 2027 von 1,09 Milliarden auf 699 Millionen US-Dollar gesenkt und das Kursziel von 85 $ auf 50 $ reduziert.
F2: Was ist Open USD? Wie unterscheidet sich OUSD von USDC?
Open USD (OUSD) ist ein Dollar-Stablecoin, der am 30. Juni 2026 von der Open Standard Alliance eingeführt wurde, der über 140 Unternehmen wie Visa, Stripe, BlackRock und Coinbase angehören. Im Gegensatz zu Circle, das den Großteil der Reservenerträge einbehält, schüttet OUSD den größten Teil der Reservenerträge an Vertriebspartner aus und behält nur eine geringe Verwaltungsgebühr.
F3: Wie hoch ist das aktuelle Umlaufangebot und der Marktanteil von USDC?
Mitte Juli 2026 beträgt das zirkulierende Angebot von USDC etwa 73 Milliarden US-Dollar, nach einem Höchststand von knapp 80 Milliarden US-Dollar im März 2026. USDC ist der weltweit zweitgrößte Dollar-Stablecoin, hinter Tethers USDT (ca. 1,84 Billionen US-Dollar).
F4: Welche Auswirkungen hat die OCC-Trust-Bank-Lizenz von Circle auf den Aktienkurs?
Am 10. Juli 2026 erhielt Circle die endgültige OCC-Genehmigung zur Gründung einer landesweiten Digital-Asset-Trust-Bank, woraufhin der Aktienkurs vorbörslich um über 10 % stieg. Mizuho argumentiert jedoch, dass diese Genehmigung die Kernprobleme des verlangsamten USDC-Wachstums und des verschärften Wettbewerbs nicht löst – der Kurs gab die meisten Gewinne rasch wieder ab.
F5: Wie lautet der Analystenkonsens für Circle (CRCL)?
Einer Umfrage unter 25 Analysten zufolge liegt die Konsensbewertung für CRCL bei „Kaufen" mit einem durchschnittlichen 12-Monats-Kursziel von 123,35 $. Die Zielspanne ist jedoch groß und reicht von 55 $ bis 243 $, was die erheblichen Meinungsunterschiede am Markt über die Perspektiven von Circle widerspiegelt.




